7 C
Reykjavík
28. September 2020
Image default

Gleðileg Jól – Weihnachten in Island

„Gleðileg Jól“ ist isländisch und bedeutet „Frohe Weihnachten“. Das Weihnachtsfest in Island ist wie in Deutschland eine Zeit der Lichter, der Besinnung und der Ruhe, aber auch eine Zeit der Traditionen und Bräuche.

Die isländische Weihnacht besteht historisch gesehen aus zwei Feiern: Zum einen wird die Geburt Christi gefeiert und zum anderen der Beginn der wieder eintretenden längeren Tage. Allerdings enthält das isländische Wort für Weihnachten keinen Bezug zu Christus oder zur Kirche. Es ist das nordische Wort Yule, welches auch im Altenglischen existiert.

Dekoriertes Haus in Reykjavík - Foto: Makoto Honda - depositphotos.com
Dekoriertes Haus in Reykjavík – Foto: Makoto Honda – depositphotos.com

Bereits im November wird es besinnlich

Weihnachtlich wird es in Island bereits im November, wenn viele Isländer beginnen, ihre Häuser, Fenster, Balkone und Gärten festlich zu schmücken. Lichterketten erleuchten überall die immer länger werdenden Nächte. Wie in Finnland werden sogar die Friedhöfe über Weihnachten beleuchtet und die Grabkreuze mit Lichterketten verziert.

Seit vielen Jahrzehnten haben die Isländer ebenfalls die Tradition des Weihnachtsbaumes, der üblicherweise am Tag vor Heiligabend geschmückt wird. In Reykjavík wird jedes Jahr am 1. Advent die Beleuchtung eines großen Weihnachtsbaumes auf dem Austurvöllur eingeschaltet. Dieser Weihnachtsbaum wird den Isländern seit 1951 jährlich zum Zeichen der Freundschaft von den Norwegen geschenkt und daher als Oslo-Baum bezeichnet. Der deutsche Brauch eines Adventskranzes fasste in den 1930er Jahren erstmals Fuß in Island und wurde in den Sechzigern und Siebzigern so richtig populär. Eine andere beliebte Art des Adventslichts ist ein dreieckiger Kandelaber, auf dem sieben Kerzen angeordnet sind. Heute sind diese Kandelaber oft elektrisch und viele Familien haben mehr als einen in den Fenstern ihrer Wohnungen und Häuser stehen.

Island hat gleich 13 Weihnachtsmänner

Ab dem 12. Dezember mischen sich die Jólasveinar, die isländischen Weihnachtsmänner ins Geschehen und sind allgegenwärtig, sei es auf Milchpackungen oder als Kalenderbildchen. Allgegenwärtig ist in dieser Zeit auch ein in heißem Fett ausgebackenes Gebäck mit dem Namen Laufabrauð. Dazu werden Muster in einen dünnen und in Kreisformen ausgerollten Teig gestanzt, der in heißem Öl gebacken wird.

Jólasveinar

 

Jólasveinar

Am 23. Dezember ist St. Þórlákur Tag. Dieser Tag, zu Ehren des am 23. Dezember 1193 verstorbenen isländischen Bischof von Skálholt und Schutzheiligen Þórlákur Þórhallsson, ist einer der geschäftigsten Tage in der Weihnachtszeit. Viele Isländer nutzen die letzte Gelegenheit zum Geschenke kaufen und die Einkaufsmeilen Islands sind stark frequentiert und teilweise bis Mitternacht geöffnet. Und wer nicht shoppen geht, ist zu Hause noch mit den letzten Vorbereitungen für Weihnachten beschäftigt. An diesem Tag kann es in Islands Wohnungen eigenartig faulig riechen. Grund dafür ist keine mangelnde Hygiene, sondern ein an diesem Tag gereichtes traditionelles Fischgericht mit dem Namen „kæst skata“ oder zu deutsch Gammel-Rochen. Ähnlich Hákarl, dem Gammel-Hai, ist diese vor Island vorkommende Rochenart nur nach einer kontrollierten Fermentierung genießbar. Unangenehmer Nebeneffekt ist der sehr strenge Geruch.

Weihnachtliches Reykjavík - Foto: Jakub Bednarek - depositphotos.com

 

Weihnachtliches Reykjavík – Foto: Jakub Bednarek – depositphotos.com

 

An Heiligabend, in Island als Aðfangadagur  bezeichnet, ist der Geruch wieder verflogen und man kann sich der Familie widmen, denn Heiligabend ist, wie in Deutschland, der wichtigste Tag der Weihnachtssaison. An Heiligabend sind die Geschäfte und Restaurants halbtags geöffnet und bis zum Mittag herrscht noch reges Treiben. In vielen Familien wird Mittags Milchreis gekocht, in dem man eine Mandel versteckt. Der, der die Mandel findet, erhält schon ein erstes Geschenk. Am Nachmittag ist es Tradition, seine verstorbenen Verwandten auf dem Friedhof zu besuchen, bevor man sich, festlich gekleidet, der noch lebenden Familie zuwendet. Meist gegen 18:00 Uhr (in manchen Gemeinden auch um Mitternacht) geht es in die Christmesse, gefolgt von einem festlichen Essen im Kreise der Familie. An diesem Tag werden auch die Geschenke überreicht.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Der 1. Weihnachtstag (Jóladagur) wird in Ruhe verbracht. Man hört weihnachtliche Musik, genießt einen Spaziergang an der frischen Luft und bleibt im Kreise der engsten Verwandten. Am Abend verköstigt man zusammen traditionelle isländische Gerichte, wie zum Beispiel geräuchertes Lamm (Hangikjöt), gekochte Kartoffeln in einer weißen Béchamelsauce, Erbsen und eingelegten Rotkohl. An diesem Tag haben auch einige Restaurants geöffnet. Wer auf die Idee kommt, an diesem Tag ins Restaurant zu gehen, muss vorher reservieren, denn spontan ist kein Sitzplatz zu bekommen.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Am 26. Dezember geht es ruhig weiter, und im Kreise der Familie und Freunde werden oft die Reste der Vortage verspeist. Vom 27. Dezember bis zum 31. Dezember erfolgt der Wechsel zwischen den ruhigen, besinnlichen Tagen und der Partyzeit. Diese findet am 31. Dezember (Gamlárskvöld) ihren Höhepunkt. Die Feierlichkeiten beginnen in der Regel am frühen Abend mit einem üppigen Abendessen zu Hause. Danach beginnt eine der wohl ältesten Traditionen Islands. In vielen Gemeinden werden Lagerfeuer angezündet. Diese, noch aus der Zeit des Mittelalters stammenden Feuer, werden als Áramótabrenna bezeichnet. Warm bekleidet steht man zusammen um das Feuer und teilt Erinnerungen und singt Lieder. Ab 22:30 Uhr leeren sich die Straßen binnen weniger Minuten. Kein Isländer will die im isländischen Fernsehen zu Silvester laufende Show Áramótaskaup verpassen. Diese ist vergleichbar mit dem satirischen Jahresrückblick im deutschen Fernsehen und eine humorige Aufbereitung der Ereignisse des Jahres.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Kurz vor Mitternacht macht man sich bereit, nach draußen zu gehen. Die Isländer lieben Feuerwerk und lassen es sich nicht nehmen, den Jahreswechsel mit dem lauten Knallen von Böllern und Raketen zu begleiten. Das dadurch entstehende Feuerwerk in Reykjavík ist eines der weltweit spektakulärsten Feuerwerke und seit ein paar Jahren auch über eine Webcam live im Internet zu verfolgen. Neben dem Knallen der Böller wird das neue Jahr in Island mit dem Läuten der Kirchenglocken, dem lauten Klang der Schiffshörner im Hafen Reykjavíks und den Sirenen der Feuerwehrfahrzeuge begrüßt. Die Silvesternacht wird ausgiebig gefeiert. Kein Wunder, dass es an Neujahr (Nýársdagur) sehr ruhig zugeht.

Alles endet am 6. Januar

Die isländische Weihnachtszeit endet am 6. Januar, dem 13. Tag nach Weihnachten, und wird deswegen als Þrettándinn (auf deutsch übersetzt: „der Dreizehnte“) bezeichnet. Dieser Tag markiert in vielen christlichen Nationen das Ende der Weihnachtszeit, so auch in Island. In vielen Gemeinden wird dieser Tag genutzt, um sich feierlich von Weihnachten zu verabschieden, wie z.B. auf Heimaey, wo es an diesem Tag einen Fackelzug mit verkleideten Gestalten der Weihnachtszeit gibt. In Deutschland ist der 6. Januar auch als „Heilige drei Könige“ oder „Dreikönigsfest“ in der katholischen Kirche oder als „Epiphanias“ in der evangelischen Kirche bekannt. Dies ist der Tag der Sternsinger,  die, verkleidet als die drei Könige, singend und für einen guten Zweck sammelnd von Haus zu Haus ziehen und die Hauseingänge der Spender mit den Initialen der drei Könige segnen.

Reste-Böllern

Der 6. Januar ist auch als das „alte Weihnachten“ bekannt. Durch den Wechsel vom julianischen auf den gregorianischen Kalender verschob sich letztendlich auch das Weihnachtsfest auf den nun festgelegten 25. Dezember. Zum Beispiel wird noch heute in der armenischen Kirche am 6. Januar als Weihnachtstag festgehalten. Für die Isländer ist der 6. Januar auch etwas wie ein zweites Silvester. Es ist der letzte Tag, an dem man noch Feuerwerk abfeuern darf. Davon machen die Isländer gerne Gebrauch und so wird in vielen Orten der Tag mit einem Feuerwerk beendet. Insbesondere dann, wenn aufgrund von sehr schlechtem Wetter an Silvester viele Raketen nicht abgefeuert werden konnten. An diesem Tag endet auch der Verkauf von Jolabjör, dem isländischen Weihnachtsbier. Den Rest des Jahres ist es nur noch in den ganzjährig geöffneten Weihnachtsgeschäften in Akureyri und Reykjavík erhältlich.

Magische Geschichten

Der Nacht vom 6. Januar werden auch magische Dinge nachgesagt. In dieser Nacht soll die Grenze zwischen der sichtbaren und der verborgenen Welt geöffnet sein. So kommt es, dass an diesem Tag Elfen geehrt werden, indem vielerorts Elfenkönige und Elfenköniginnen gewählt werden. Auch die heiligen drei Könige haben diese fliessende Grenze erlebt, träumten sie doch in der Nacht von Jesus Geburt. Daher glauben viele Isländer, insbesondere auf der Insel Grímsey, dass man seinen Träumen in dieser Nacht besondere Aufmerksamkeit schenken muss, da diese Hinweise auf die Zukunft enthalten könnten. Dem 6. Januar werden noch weitere Dinge nachgesagt. So glaubt man daran, dass Kühe sprechen können. Elfen und Feen sollen an diesem Tag ihre Häuser verlassen, um Lagerfeuer tanzen und sich auf die Suche nach einem neuen Zuhause machen. Seehunde sollen an diesem Tag Menschengestalt annehmen können.

Davon berichtet ein auf Island sehr bekanntes Märchen. In diesem findet ein Mann am Strand einige Robbenfelle. Er nimmt eines davon mit nach Hause und sperrt es in eine Truhe. Später entdeckt er am gleichen Strand eine schöne und nackte Frau, die weinend im Sand sitzt, weil er ihr Fell mitgenommen hat und sie nicht ins Meer zurückkehren kann. Er nimmt sie mit nach Hause, heiratet sie, und beide haben viele gemeinsame Kinder. Er hält das Robbenfell weiter verschlossen in der Truhe auf, damit sie nicht fliehen kann. Eines Tages jedoch vergisst er den Schlüssel mitzunehmen und die Frau sperrt die Truhe auf, nimmt sich ihr Fell und kehrt in den Ozean zurück.

Neben diesen ganzen mystischen Gegebenheiten bleibt es der Tag des Abschieds von Weihnachten. Man isst die letzten Reste der Vortage, die Weihnachtsdekoration verschwindet wieder in den Schränken und die letzten Kerzen brennen ab. Und auch der letzte der Weihnachtsgesellen, Kertasníkir oder auf deutsch: der Kerzenschnorrer kehrt zurück in die dunklen Berge von Dimmuborgir.

Ähnliche Artikel

Mit dem Mustang nach Island

marcoasbach

Keflavík/Njarðvík – vom Flughafen und der Doppelstadt

marcoasbach

Gunnar Konráðsson (nunni konn)

marcoasbach