Samstag , 29. April 2017
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Hólmur bei Kirkjubæjarklaustur
Hólmur bei Kirkjubæjarklaustur

Hólmur – ein fast verlassener Ort

Unweit eines Ortes mit dem unaussprechlich scheinenden Namen Kirkjubæjarklaustur befindet sich ein vermeintlich leerstehender Hof, der ganz besondere Schätze beherbergt. Kirkjubæjarklaustur liegt im Süden Islands zwischen Vík í Mýrdal und Höfn inmitten einer von Gras und Moos umgebenden Landschaft, deren Grün an einem Werbespot für irische Butter erinnert. Mit etwas über 120 Einwohnern ist Kirkjubæjarklaustur eine kleine Stadt, die aber eine zentrale Anlaufstelle für Einheimische und Touristen darstellt, da die Lage an der Ringstraße und unweit einiger wichtiger Abzweigungen ins Hochland ideal ist.

Im Ort sind zwei Tankstellen, eine SB-Tankstelle und eine große N1 Tankstelle. Diese verfügt, wie in Island üblich, über einen kleinen Shop. Von Autozubehör über Kosmetika bis Lebensmittel kann man dort alles Mögliche einkaufen. Auch ein Fastfood-Restaurant mit dem üblichen Angebot an Hamburgern, Hot Dogs, Chicken Nuggets, Schnitzel sowie kalten und warmen Getränken ist in der Tankstelle integriert. Die Qualität ist nicht mit Fastfoodketten vergleichbar. Die Hamburger werden frisch zubereitet und schmecken hervorragend. Der Ort wird von den Einheimischen auch kurz Klaustur genannt und bietet einige Sehenswürdigkeiten, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Aber dazu mehr in diesem Artikel.

Blick über Kirkjubæjarklaustur
Blick über Kirkjubæjarklaustur

In der Nähe von Kirkjubæjarklaustur hat mich ein Abzweig im Jahr 2012 neugierig gemacht und ich wollte wissen, wo dieser hinführt. Gesagt, getan. Ich fuhr die schmale Schotterstraße über einen kleinen Hügel und mir offenbarte sich eine unwirkliche Kulisse. Im Hintergrund die steilen Flanken der Klaustursheiði, einer von Gras bewachsenen Hochebene, von der einige Flüsse als Wasserfälle von der Kante fallen. So auch an dieser Stelle. Ein kleiner Wasserfall stürzt in die Tiefe und doch wieder nicht, da an diesem Tag starker Sturm das Wasser wieder die Kante hinauf blies.

Im Vordergrund dieser Szenerie eine große Grasfläche mit hohen Grashalmen, die vom Sturm in Wellen hin- und her geweht wurden. Und inmitten dieser Grasfläche ein größerer Gebäudekomplex, bestehend aus einem Haupthaus und diversen Nebengebäuden. Schon die stark verwitterten Gebäude zogen mich in ihren Bann. Insbesondere die zahlreichen um das Gebäude verstreut stehenden alten Fahrzeuge, die Wind und Wetter trotzten, gaben der gesamten Szenerie fast schon das Flair eines Spukschlosses. In 2012 beliess ich es bei Aufnahmen von der Grundstücksgrenze, die ich später in der Facebookgruppe „Iceland – the photographers paradise“ der Öffentlichkeit zur Verfügung stellte. In einer um die Bilder entstehenden Diskussion erfuhr ich, dass dieser Hof nicht so verlassen ist, wie er wirkt, sondern dass dort ein alter Mann leben sollte.

Hólmur bei Kirkjubæjarklaustur
Hólmur bei Kirkjubæjarklaustur

2015 hatte es mich wieder in den Süden Islands verschlagen und ich realisierte mein Vorhaben, diesen Ort erneut aufzusuchen. Die Wetterlage war ähnlich. Tiefhängende, graue Wolken bildeten eine zusammenhängende Wolkendecke, aus der es leicht nieselte. Zum Glück war diesmal nur leichter Wind zu verzeichnen und ich wagte mich auf das Grundstück. Wie in 2012 standen diverse Fahrzeuge, von einem alten VW Bus über Traktoren bis Lastkraftwagen auf dem Grundstück. Alle Fahrzeuge sind eindeutig nicht mehr fahrbereit, waren sie doch zu stark beschädigt oder verwittert, als das sie noch fahren könnten.

Am Haus angekommen klopfte ich an die Türen, doch es kam keine Reaktion. Im Flur war ein Deckenfluter aufgestellt, dessen Licht den Flur erhellte. Doch was ich dort sah, liess nicht den Rückschluss zu, dass dort wirklich jemand lebt. Alles war verwittert, der Putz an den Wänden brüchig und es waren keine Spuren einer Bewohnung zu erkennen. Meine Neugier war zu groß und ich begann, das Haus und die umliegenden Fahrzeuge zu fotografieren. Dabei kam ich auch hinter das Haupthaus, wo sich nochmals weitere Gebäude und noch mehr Fahrzeuge befanden.

Konzentriert in meine Fotografie war der Schreck umso größer, als plötzlich ein alter Mann auftauchte. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, da ich mich dabei ertappt fühlte, auf einem bewohnten Grundstück ohne Erlaubnis rumzulaufen. Der Mann trug einen Monteuroverall und kniehohe Gummistiefel. Seine langen, grauen und ungepflegt scheinenden Haare standen wild vom Kopf ab, als wäre er gerade aus dem Bett gestiegen. Sein Rücken war im oberen Bereich stark nach vorne geneigt und langsamen Schrittes kam er auf mich zu.

Ich begrüßte ihn auf isländisch, doch meine weiteren Worte an ihn konnte ich dann nur in englisch richten. Er schien mich nicht zu verstehen und umgekehrt ich ihn auch nicht. Er murmelte etwas von Hunkubakkar, einem Ort, der wenige Kilometer weiter liegt. Ich glaube, er dachte, dass ich mich verlaufen oder verfahren habe. Da wir uns nicht verstehen konnten, habe ich meine Fotografien auf dem Grundstück eingestellt und machte mich auf zurück zur Grundstücksgrenze, wo ich mein Fahrzeug abgestellt hatte. Auf dem Weg zurück war ich sehr traurig, dass ich mich nicht mit diesem Mann verständigen konnte. Zu gern hätte ich mich mit ihm über sein Leben, sein Haus und seine Fahrzeuge unterhalten.