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28. September 2020
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Isländische Namensgebung

Eine deutsche Redensart, die auf ein Zitat aus Goethes Faust zurückzuführen ist, trifft in Island einmal mehr zu als bei uns: „Namen sind Schall und Rauch“. Der Grund dafür ist, dass feste Nachnamen, die über die Generationen weitergegeben oder vom Ehepartner angenommen werden, so in Island nicht existieren.

Patronymisches Namenssystem

Während man in anderen nordischen Ländern wie Norwegen oder Schweden zum Familiennamensystem übergegangen ist, hat sich in Island bis heute die nordgermanische Namensgebung erhalten. Diese beruht darauf, dass sich der Nachname dynamisch aus dem Vornamen des Vaters und einer Endung zusammensetzt, die Auskunft darüber gibt, welchem Geschlecht man angehört. Dabei bekommen die Söhne als Endung ein „-son“ und Töchter ein „-dottir“. Ein Beispiel: Der Vater heißt mit Vornamen „Jón“, dann bekommt der Sohn den Nachnamen „Jónsson“ und seine Tochter den Nachnamen „Jónsdottir“.

Schon gewusst?
Auf den Färöer-Inseln, die politisch zu Dänemark gehören, hat man die Wahlfreiheit zwischen dem Familiennamen- oder dem Vaternamenssystem.

In isländischen Sagas findet man eine weitere Variante der Abstammungskennzeichnung, die ebenfalls in der heutigen Zeit Anwendung findet, wenn sonst in einer Familie zwei Personen mit dem gleichen Namen wären. Die Differenzierung findet in diesen Fällen über den Namen des Großvaters väterlicherseits statt. Dabei wird dann an den Namen noch der Name des Großvaters mit der Endung »-sonar« angehängt. Auch dazu ein Beispiel: Heißt der Großvater „David“ und der Vater „Jón“ kann der Sohn auch Jónsson Davidssonar heißen.

Diese Variante wird selten angewendet, da es neben dieser Variante noch die der Benutzung von Mittelnamen gibt, die wesentlich häufiger auftritt. Hierbei wird der Mittelname des Vaters verwendet. Um das wieder an einem Beispiel zu verdeutlichen: Heißt der Vater Jón Ólafur, also mit Mittelnamen „Ólafur“, kann der Nachname des Sohns wie folgt variiert werden: „Ólafursson“ oder „Jónsson“.

Dieses auf dem Vaternamen basierende System wird auch patronymisches Namenssystem genannt. Mittlerweile findet allerdings immer öfter eine matronymische Namensgebung statt, sprich es wird der Vor- oder Mittelname der Mutter als Grundlage für den Nachnamen genutzt.

Isländische Namensgebung
Isländische Namensgebung

Andere Namen sind erlaubt, aber ….

Wenn man Namen von Isländern mal genauer verfolgt, stellt man fest, dass es auch Familiennamen gibt, die nicht auf »-son« und »-dóttir« enden. Diese haben ihre Herkunft oft in ausländischen Elternteilen, wie zum Beispiel bei der isländischen Sängerin Emilíana Torrini, deren Vater italienischer Herkunft ist. Bis 1925 war es sogar gestattet, einen beliebigen Familiennamen anzunehmen. Davon machte zum Beispiel der Nobelpreisträger und Schriftsteller Halldór Laxness Gebrauch. der als Sohn von Guðjón Helgi Helgason eigentlich Halldór Guðjónsson oder Halldór Helgison heißen müsste. Die Isländer haben 6 Monate Zeit, um ihrem Kind einen Namen zu geben. Tun sie das nicht, kann eine Geldstrafe die Folge sein, wenn sie keinen Namen registrieren lassen. Ein isländischer Staatsbürger kann den Nachnamen seines ausländischen Partners nicht übernehmen und wenn er dies bereits im Ausland getan hat, muss er bei seiner Rückkehr nach Island zu seinem isländischen Namen zurückkehren. Wenn ein Isländer und ein Ausländer ein Kind zusammen haben, können sie dieses Kind mit dem Namen des Nicht-Isländers benennen, wie bei Emilíana Torrini, aber sie müssen auch einen isländischen Namen nehmen. Daher heißt Emilíana Torrini mit vollem Namen Emilíana Torrini Davíðsdóttir.

Die Namensgebung Islands ist auch der Grund, warum das Telefonbuch von Reykjavík nach Vor- und nicht nach Nachnamen sortiert ist, weil der Vorname von wesentlich größerer Bedeutung ist. Da es Vornamen auch doppelt oder öfter geben kann, wird oft der Beruf mit angegeben. Auch an Klingelschildern finden sich meist nur die Vornamen wieder.

In Island wird der Vorname zur formalen Anrede genutzt. Ein Isländer mit beispielsweise dem Namen Gunnar Kristiansson wird nicht mit Herr Kristiansson, sondern einfach mit Gunnar oder mit dem vollen Namen Gunnar Kristiansson angeredet. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Sängerin Björk. Hierbei handelt es sich nicht um einen Künstlernamen, sondern ihr realer Name ist Björk Guðmundsdóttir. Daher ist die formale Ansprache in Island Björk. In Deutschland dürfte man dann auch Frau Björk sagen. Diese Anrede gilt für alle, unabhängig von bekleideten Ämtern oder Titeln, so auch für den isländischen Präsidenten. In Island werden alle geduzt, der Vorname und ein »Sie« würde auch komisch ­klingen.

Das Namenskomitee

Übrigens gibt es für die Verwendung von Vornamen, die bisher in Island noch nicht genutzt wurden, ein eigenes Komitee, welches darüber entscheidet, ob ein Vorname benutzt werden darf. Wichtigste Regel dabei ist, dass der Vorname nur aus isländischen Buchstaben bestehen darf und deklinierbar sein muss. Ferner muss er mit der isländischen Tradition vereinbar sein und den zukünftigen Träger nicht in Verlegenheit bringen. Das grammatikalische Geschlecht eines Namens muss mit dem Geschlecht der Person, die den Namen trägt, übereinstimmen. Es gibt gelegentliche Ausnahmen, z.B. wenn ein Name traditionell von einer bestimmten Anzahl von Isländern verwendet wird. Die Vornamen, die bereits zugelassen sind, können in einem Personenstandsregister eingesehen werden.

Abgelehnte Namen werden nicht in die Liste der zugelassenen isländischen Namen aufgenommen. Das waren in 2019 zum Beispiel der Name Bastian oder Lucifer. Viele der isländischen Vornamen sind sehr ursprüngliche nordische Namen, die bereits die ersten Siedler Islands trugen. Zum Beispiel Ingólfur als Männername oder Auður als Frauenname. Die lange von der Außenwelt isolierten Isländer haben sich nicht also nicht nur die nordische Sprache in ihrer ursprünglichen Art erhalten , sondern auch die Namen. In vielen skandinavischen Ländern haben sich die Namen weiterentwickelt und sind oft anders als in Island. Ein Beispiel dafür ist der nordische Name Olafr. Er endete, wie viele alte nordische Namen mit einem „r“. In Island blieb dieses „r“ erhalten und aus Olafr wurde Ólafur, währenddessen in Schweden, Norwegen und Dänemark daraus einfach Olaf wurde.

Isländische Namen haben immer eine Bedeutung, die einem die Isländer auf Nachfrage erklären können. Zudem sind Isländer davon überzeugt, dass der Name eines Menschen dessen Leben beeinflusst und so gaben Eltern eher kränklichen Kindern oft den Namen Ófeigur, was so viel bedeutet wie „der, der nicht sterben kann“.

Liste der bestätigten Vornamen für Männer
Liste der bestätigten Vornamen für Frauen
Liste der abgelehnten Vornamen für Männer
Liste der abgelehnten Vornamen für Frauen

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